Sonntag, 21. Januar 2018

der mord in kandel - ein interview mit kling



„Heimtückisches Vorgehen“

17. Januar 2018
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Landau/Kandel.Für die getötete 15-jährige Mia aus Kandel kam die Messerattacke ihres Ex-Freundes in einem Drogeriemarkt nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Landau völlig überraschend. Damit aber sei der Tatverdächtige, ein junger Flüchtling aus Afghanistan, nach Ansicht der Behörde „heimtückisch“ vorgegangen. Die Ermittler gehen daher nun von Mord aus. Bislang war dem Verdächtigen lediglich Totschlag zur Last gelegt worden.
„Das Mordmerkmal Heimtücke ist erfüllt, wenn der Täter die Arg- und Wehrlosigkeit seines Opfers ausnutzt“, erklärt der Mannheimer Strafrechtler Steffen Kling, der den Fall mit Interesse verfolgt. „Das Opfer rechnet überhaupt nicht mit einem Angriff und kann deshalb auch keine Maßnahmen ergreifen, um sich zu wehren.“ Im Fall des Verdächtigen aus Kandel müsse man Klings Einschätzung nach davon ausgehen, dass er vorsätzlich gehandelt habe. „Der junge Mann soll die Jugendliche erst am Bahnhof getroffen und dann in einem Supermarkt das Messer gekauft haben, mit dem er kurz darauf auf sie einstach“, erklärt Kling. „Wenn das so war, muss man daraus schließen, dass es einen Tatplan gab.“

Einfluss auf das Strafmaß

Das Strafmaß für Mord ist höher als für Totschlag. „Wird ein Erwachsener wegen Totschlags verurteilt, bekommt er höchstens 15 Jahre Haft und kann nach ein paar Jahren seine vorzeitige Entlassung beantragen. Bei Mord kommt er unter 15 Jahren auf keinen Fall raus. Durchschnittlich sitzen Mörder in Deutschland 22 bis 25 Jahre lang im Gefängnis“, so Kling.
Der verdächtige Flüchtling aus Kandel ist nach offiziellen Angaben erst 15 Jahre alt, in dem Fall würde er nach Jugendstrafrecht verurteilt. „Dann läge die Höchststrafe für Mord bei zehn Jahren“, erklärt Anwalt Kling. Der Vater des Opfers aus Kandel hatte allerdings Zweifel an der Altersangabe geäußert. Die Staatsanwaltschaft will deshalb das Alter des Verdächtigen bestimmen lassen. „Mit dem Eingang eines Gutachtens ist in einigen Wochen zu rechnen“, hieß es in der Mitteilung von gestern. Der Vorfall vom 27. Dezember hatte die bundesweite Diskussion um die Feststellung des Alters von jugendlichen Flüchtlingen erneut entfacht.
Der Tatverdächtige im Fall Kandel sitzt weiter in Untersuchungshaft. Die Ermittlungen zum Motiv und zu den Hintergründen dauern an. Kurz nach der Tat hatte die Leitende Oberstaatsanwältin Angelika Möhlig gesagt, im Raum stehe eine Beziehungstat, die Prüfungen liefen aber noch. Zudem wird untersucht, ob weitere Mordmerkmale erfüllt sind.
Nach Darstellung der Ermittler gibt es bislang keine Anzeichen, dass sich Täter und Opfer in der Drogerie gestritten hätten. Eine Frau, die nach eigenen Angaben während der Tat im Laden war, hatte berichtet, sie habe einen Streit gehört. (mit dpa)
© Mannheimer Morgen, Mittwoch, 17.01.2018